Alle reden vom Wetter …

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Max Baur: Auf der Waldwiese, Verlag Max Baur, Wernigerode 1963.

Der Oberharz hat kalte, schwere und neblichte Luft und daher einen sehr schnellen Wechsel der Temperatur. So weit das Nadelholz vorherrscht, liegt der Schnee acht Wochen im Jahre länger, als da, wo das Laubholz anfängt. Das Heizen der Stuben dauert auch im Sommer fort; die heißen Stuben gewähren dem Bergmann ein Schwitzbad, welches oft die häufigen Erkältungen unschädlicher macht. Engbrüstigkeit, Gicht, Auszehrung , Koliken sind häufige, auch durch die Art der Arbeiten hervorgebrachte, Uebel; weit besser befinden sich die Wald- und Kohlenarbeiter und die Fuhrleute, von denen viele ein hohes, kräftiges Alter erreichen.

Der Frost dauert bis zum Ende Mays, der kurze, oft glühende, Sommer kaum sechs Wochen; auf diesen folgt gewöhnlich vier Wochen lang ein angenehmer Herbst, welcher den Mangel des Frühlings ersetzt. Oft gehen die Winter zu reißenden Stürmen über, welche ganze Tannenwälder niederzuwerfen vermögen; Gewitter bilden sich sichtlich an den Spitzen der Berge, oft von starken Regengüssen begleitet.

Ist die Oberfläche des tiefen Winterschnees erst hart gefroren, so folgt, besonders auf den Plateaus, ein klares und heiteres Wetter, und die Verbindung der Menschen durch Schlitten wird lebhaft, welche über Flüsse und Tiefen weggleiten. In höheren Gegenden werden dann selbst die Häuser unter dem Schnee begraben.

In Klausthal baut der Harzknabe Bastionen von Schnee auf den Dächern und unsichtbar hinter denselben wirft er auf die Vorübergehenden mit Schneebällen. In Andreasberg höhlt man bei tiefem Schnee Gänge aus, wodurch die Verbindung mit den Nachbarn erhalten wird. Dann kann man auf gefrorenen Schneeflächen den Brocken von allen Seiten besuchen; die Spitzen der Tannen ragen, wie niedrige Gesträuche, aus dem Schnee hervor und man ist in Gefahr, das Brockenhaus nicht zu sehen, auf dessen mit Schnee bedecktem Dache man vielleicht schon steht.

Aber ein dichter Nebel folgt dem klaren Winterwetter, wenn die gemilderte Luft das Auftauen des Schnees vorbereitet. Dann schwellen die Harzbäche zu Strömen an und hemmen da die Verbindung, wo man im Sommer vielleicht vergeblich, einen Fluß sucht. Wer an Rheumatismen leidet, darf nicht auf den Harz ziehen; allein der geborene Harzer kann bei mäßiger Lebensart ein hohes, kräftiges Alter erreichen.

Sonne, Heinrich Daniel Andreas (1780 – 1832); Allgemeine Beschreibung des Hannover’schen Landes und Staates,  München 1829, S. 83ff.

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Die heiter-empfindliche Berglust

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„Wer aus den sanftern, zahlreich bewohnten Ebenen und anmutigen Gefilden verweichlicht hierher kommt, von mühsam erstiegenen Höhen in abschüssige Tiefen hinabblickt, und selbst in den wärmern Jahreszeiten frostig den fast das ganze Jahr hindurch erheizten Stuben dieses Gebirgsvolks zueilen muß, um sich von der ungewohnten nasskalten Luft wieder zu erholen: für den kann dies Land der Berge freilich wenige, oder gar keine Reize haben.

Er bedauert vielmehr die Bewohner der Höhen wegen der heftigen und empfindlichen Winde; die Thalbewohner hingegen, wegen ihrer schweren und gefahrvollen Arbeit und Bestimmung. –

Die Harzer hingegen , welche nun einmal an ihre Lebensart gewöhnt sind, und die anderweitigen Vorteile und Annehmlichkeiten ihrer gebirgigen Vaterlandsgegend hinlänglich kennen und zu schätzen  wissen, urteilen ganz anders. Für sie haben diese wilden Gegenden eine erhabene Schönheit.

Unter einer beneidenswerten Zufriedenheit und vollkommenen Genügsamkeit fließt ihnen, halb abgeschieden von der überigen Welt, ein Tag wie der andere ruhig und gleichförmig dahin.

Mancherlei Erzeugnisse der Oberfläche und eine Menge unterirdischer Reichtümer beschäftigen und nähren Sie.

Der Bergmann holt Erze aus dem Innern der Erde hervor; der Holzhauer fället hartes und weiches, laub- und nadeltragendes Holz; der Köhler läßt seinen Mieler rauchen; der Fuhrmann bringet die gewonnenen Erze, das gefällete Holz, die geschwählten Kohlen an den Ort ihrer Bestimmung; der Hüttenmann scheidet durch seine vulkanische Arbeit Metalle von Schlacken, Hausmütter besorgen und befriedigen ihre Wirtschaft und die Bedürfnisse der Ihrigen.

Alle sind im angewiesenen Wirkungskreise in froher Tätigkeit, und Jeder hat für den seinigen eine gewisse ihn und Andere beglückende Hochachtung, die immer mit einer vorzüglichen Anhänglichkeit an Stand und Beruf verbunden zu seyn, und den Wohlstand und die bürgerliche Glückseligkeit der ganzen Gesellschaft, so wie des einzelnen Gliedes derselben mit sich zu führen pflegt.

Mit einem Wort, die Harzer sind bey harter Kost und härterer Arbeit gesund und vergnügt; und für ihr bergiges Land so eingenommen, wie die Schweizer für das ihrige.

Von Kindheit an, an die mancherlei Eigentümlichkeiten ihres Landstrichs und ihrer Lebensweise gewöhnt, können sie in dem flachen Lande nicht lange aushalten. Diese ihre Sehnsucht nach vaterländischer Heimat ist eben nicht kleinliche Anhänglichkeit am Alten, noch weniger entehrende Schwäche; Nein! sie haben dieselbe mit Allen gemein, die plötzlich aus einer wohlbehaglichen Lage in eine ganz andere versetzt werden.

Die grüne Nacht, die dichten Wälder, der mannigfaltige Vogelgesang, die Viehheerden auf dem zwischen den Bergen sich fortschlängelnden fruchtbaren Wiesengrunde, die rauschenden, wasserreichen Flüsse und Bäche der Harzthäler, das aus den Hüttenwerken aufsteigende dicke Rauchgewölk, das dumpfe Getöse der Hammer und Puchwerke, welches mit dem Klappern, Stampfen und Rauschen der Mahl-, Oehl- Säge und Lohmühlen abwechselt. –

Das alles verschafft den fast durchgehends treuherzigen Harzer umher Veränderungen und größerer Vergnügen. als sie im flachen Landes finden; und behagt ihnen so sehr, daß sie darüber manche Ungemächlichkeit entweder ganz übersehen, oder doch nicht hoch in Anschlag bringen. Ohne Murren tragen sie sich Lebensmittel in schweren Lasten über hohe Berge nach ihren Wohnungen und ihre Sorgen reichen mehrentheils nur von einem Lohntage zum anderen.

Die Wirkung der heitern, obgleich empfindlichen Berglust ist den meisten Einwohnern im Gesichte zu lesen.

 

Samuel Christoph Wagener; Reise durch den Harz und die Hessische Lande, besonders in Hinsicht auf Naturschönheiten , Anbau und Altertümer, von dem Verfasser der Briefe: Über die Pfalz am Rhein und deren Nachbarschaft, Braunschweig 1797, in der Schul-Buchhandlung, 32ff.