Gesucht wird … der Fuhrmannskittel

Im Gegensatz zum Frack erscheint der Kittel oder Küttel schon in den ältesten Steckbriefen. Bei ihm handelt es sich im Spiegel der Signalements um eine Kleidung, die schon in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zur männlichen Oberbekleidung gehörte. Die Kleidungs- und Kostümgeschichte zeigt ihn als einfaches überwurfartiges Kleidungsstück, aus dem sich im 17. Jahrhundert der Rock entwickelt hat. Der Kittel wurde in der Folge zu einem Kleidungsstück, das einerseits vor allem den unteren Bevölkerungsgruppen und andererseits insbesondere als über der anderen Kleidung getragenes Schlechtwetterkleid diente. 1756 wurde nach mehreren Jaunern gefahndet, die „sodann die weisse Kittel ausziehen, und ganz bürgerlich daher kommen“.

Der Kittel als eher minderwertiges Kleidungsstück zeigt sich auch im Steckbriefes kleinen Henrich, von dem es 1770 hieß: „traget, wenn er auf die Märkte ziehet, einen sauberen blauen Rock, sonst aber einen Kittel“. Dieser und andere Steckbriefe zeigen, daß der Kittel den Rock ersetzen konnte. Andererseits wird mehrfach erwähnt, daß der Kittel über dem Rock getragen wurde. 1770 wurde Georg Mangold gesucht, er trug einen „blauen Rock und über diesem einen Zwillich-Kittel“. 1787 trug ein gewisser Leonhard „über einem Rock einen schwarzen Bauren-Kittel“ und ein Jahr später Johann Mergenthal „über einem grünlechten Rock einen blauen Fuhrmannskittel“.

Die Verteilung der Belege für Kittel über den Untersuchungszeitraum läßt erkennen, daß der Kittel bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts hinein offenbar sehr häufig getragen wurde, dann aber zunehmend an Bedeutung verlor und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nur noch selten vorkam. … Zum überwiegenden Teil wurden die Kittel aus Leinen hergestellt. …

Bemerkenswert erscheint noch die Feststellung, daß die Fuhrleute offenbar häufig blaugefärbte Leinenkittel trugen, solche „Fuhrküttel“ sind mehrfach erwähnt. Ob der oben schon genannte Bauernkittel typisch für diesen Stand war, muß fraglich bleiben. …

Auffällig ist der hohe Anteil weißer Leinenkittel, ein Befund, dem die Ergebnisse der Inventarforschung deutlich entgegenstehen. So stellt sich natürlich die Frage, ob die weißen Kittel als ein Charakteristikum der Jaunergesellschaft anzusehen sind, eine Hypothese, die vor allem für die Mitte des 18. Jahrhunderts einiges für sich hat.

Wolfgang Seidenspinner; Mythos Gegengesellschaft, Erkundigungen in der Subkultur der Jauner, München (Waxmann) 1998, S.185f.

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Knots

The cartman or carter generally gets along with very few knots; the LOOP KNOT (#1009), the OVERHAND (#515), and TWO HALF HITCHES (#1710) are his usual equipment. The more finished practioners prefer the BOWLINE (#1010) and the FIGURE-EIGHT (#524).

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The Ashley Book of Knots by Clifford W. Ashley, Author of the Yankee Whaler, with amendments by Geoffrey Budworth, International Guild of Knot Tyers, Faber and Faber Limited, London Boston, o.J.

Fuhrmann – Knoten

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M. W. Götzinger’s Anfangsgründe der Deutschen Sprachlehre in Regeln und Aufgaben. – Elfte Auflage. Durchgesehen von Dr. Ernst Götzinger, Professor an der Kantonsschule in St. Gallen. Leipzig. Johann Friedrich Hartknoch. 1870, S. 89.

Aber gebracht wird es

Und sodann hatte der Derwisch gesagt, daß der Kiradschi bereits warte. Die Kiradschia sind Fuhrleute, welche Gelegenheitsfuhren über die ganze Balkanhalbinsel unternehmen, ungefähr in derselben Weise, wie früher die ›Harzer‹ Landfuhrleute mit ihren schweren Lastwagen und messingbehangenen Pferden die verschiedensten Kaufmannsgüter durch Deutschland und durch die angrenzenden Gebiete schleppten.

Der Kiradschi ist der Spediteur des Balkans; er ist überall und nirgends; er kennt Alles und Alle; er weiß auf jede Frage Antwort. Wo er anhält, da ist er willkommen, denn er weiß zu erzählen, und in den wilden, zerrissenen Schluchten des Balkans gibt es Gegenden, in welche während des ganzen Jahres keine Kunde von außen dringen würde, wenn nicht einmal der Kiradschi käme, um nachzufragen, ob der einsame Hirt Käse genug für eine Wagenladung angesammelt habe.

Diese Fuhrleute bekommen Güter von hohem Werthe anvertraut, ohne daß man von ihnen irgend eine Caution verlangt. Die einzige Garantie besteht in ihrer Ehrlichkeit. Sie kommen nach Monaten, ja oft nach Jahren erst zurück; aber sie kommen und bringen das Geld. Ist der Vater unterdeß gestorben, so bringt es der Sohn oder der Schwiegersohn; aber gebracht wird es.

Diese Ehrlichkeit der Kiradschia ist seit alter Zeit ein bewährtes Sprüchwort; leider aber scheint es jetzt anders werden zu wollen. Zwischen die altbekannten Fuhrmannsfamilien haben sich Neulinge eingedrängt, welche sich das gewohnte Vertrauen zu Nutze machen und da ernten, wo ehrliche Leute säeten. Sie bringen den Kiradschi, dessen Namen auch sie natürlich angenommen haben, um seinen sauer erworbenen guten Ruf.

Ein solcher Fuhrmann wartete also bereits! Doch nicht vielleicht gar auf mich? Sollte ich transportirt werden? Hier inmitten der Stadt durfte ich Hoffnung auf Befreiung haben. War ich bis am nächsten Morgen nicht bei Hulam, so wurde von Seiten meiner Freunde und besonders meines kleinen Hadschi sicherlich Nichts unterlassen, um mich ausfindig zu machen.

Von Bagdad nach Stambul. Reiseerlebnisse von Carl May. Carl May’s gesammelte Reiseromane. Band III. Freiburg i. B. Verlag von Friedrich Ernst Fehsenfeld, 1892, S. 192. 

http://www.karl-may-gesellschaft.de/kmg/primlit/reise/gr/gr03/gr03-txt.pdf

Eine Feindesliebe – Köhler und Fuhrherren

Der Mann der Enkelin, bei welcher der Alte wohnte, hatte ein Fuhrwesen von drei Gespannen und besorgte mit zwei Knechten allerhand Fuhren, wie sie in der Waldwirtschaft vorkommen; so war er denn auch jetzt nicht zu Hause, denn an manchen Stellen an den Bergen muß das Holz bei Schnee abgefahren werden. »Das hätte ich nicht gedacht, daß meine Enkelin noch einmal einen Fuhrherrn heiratet,« sagte der Köhler; »von alten Zeiten her ist immer eine Feindschaft zwischen den Köhlern und den Fuhrleuten gewesen, weil nämlich die Köhler früher, wie das Kohlen noch im Schwünge war, selber Fuhrwerk gehabt haben, und die Fuhrleute haben immer gesagt, das ist gegen die Gesetze, jedes Gewerbe will sein Brot haben.« Die Frau lachte, ihre schönen weißen Zähne blitzten in dem freundlichen, braunen Gesicht, und sie sagte: »Ja, wenn wir den Großvater ließen, der kaufte sich gleich ein leichtes Pferd und setzte sich noch auf den Kohlenkarren, in seinen alten Tagen.« »Nein, nein, dafür sind die Knochen schon zu steif,« wehrte der Alte ab, »das gibt die Natur nicht mehr her. Der Mensch muß auch vernünftig sein, und muß seinem Körper nicht zu viel zumuten.« Damit goß er Kurt die Tasse wieder voll aus der großen Kanne; das Kind schrie, schnell lief die Frau nach dem Kind und ließ die beiden allein.

Paul Ernst; Saat auf Hoffnung, München 1919, Kap. 7 – http://gutenberg.spiegel.de/buch/870/7

Die Ringe

Vier Ringe zur Befestigung von Leinen - geschmiedet, vermutlich 18. Jh., aus dem ehem. Bormannshaus, Buntenbock

Vier Ringe, ca. 3,5 cm D., mit Krampen, zur Befestigung von Leinen. geschmiedet, vermutlich 18. Jh., aus dem ehem. Bormannshaus, Buntenbock i. Oberharz

Die Ringe. Irgendwann entdeckte ich sie als Kind in den Ecken der Großen Kammer, dem größten Raum des Bormannshauses in Buntenbock. Von meiner Großmutter erfuhr ich, dass sie ursprünglich durch Leinen miteinander verbunden waren. Auf ihnen seien die Pferdedecken zum Trocknen ausgehängt worden, damals zur Zeit der Fuhrherren.

Meine Neugier entdeckte im Laufe der Zeit noch weitere Spuren aus dieser Zeit in dem geräumigen Fuhrherrenhaus. Die Bezeichnungen einiger Räume wie „Heuboden“, „Haferkammer“ und „Pferdestall“ oder Plätze wie die „Remise“ oberhalb des Hauses am Berghang, erinnerten an die ursprüngliche Bestimmung, Ausstattung und Funktion des Gebäudes und seiner Räume.

Aber auch die Inneneinrichtung des Bormannshauses ließ Rückschlüsse auf seine Bewohner und ihr Selbstverständnis zu: Das Zinnbord mit seinen Leuchtern, Kannen und Tellern oder die Möbel aus dem Biedermeier verwiesen auf den früheren Wohlstand der Fuhrherren und ihr ausgeprägtes Standesbewusstsein. Dieses muss wohl so stark ausgeprägt gewesen sein, dass, so wurde erzählt, die Töchter des letzten Fuhrherren keinen Partner fanden, weil sich keine standesgemäße „Partie“ ergab.

Auf der Diele, dem Eingangsbereich des Bormannshauses hing, seit ich denken kann, eine Fotografie aus dem Jahre 1889. Die Szene ist in diesem Blog beschrieben. Das Foto verweist auf die enge Verbindung zwischen Köhlerei und Fuhrunternehmen im Dienste des Bergbaus. „Kohlenfuhrherr“ gab ein Vorfahr einst zu seiner Person an. Denn ihm oblag der Transport von Holzkohle aus dem Wald zur Hütte.

Neben dem Transport von Kohle gab es aber noch weitere Arten von Fuhren, die von den Buntenbocker Fuhrherren und ihren Fuhrleuten transportiert wurden: Eisenstein, Holz und wahrscheinlich auch andere Waren, die auf dem Rückweg von dem Auftragszielort mitgenommen werden mussten.

Mich beschäftigt seitdem die Frage: Wie haben die Fuhrunternehmer, die sich stolz „Fuhrherren“ nannten, gelebt? Näherhin: Wie sah ihr Alltag aus? Woher stammen sie? Warum haben sie sich um 1600 in dem Dorf Buntenbock niedergelassen und dieses Dorf maßgeblich geprägt?

Ich habe in diesem Blog schon einige Dokumente zusammentragen. „Fuhrherren Museum Buntenbock“ habe ich dieses Projekt genannt. Es ist ein virtuelles „Museum“, das einen Gang durch die Geschichte der Fuhrherren von Buntenbock ermöglichen soll. Ob es jemals ein Museum in dem Fuhrherrendorf Buntenbock geben wird, zumindest einen Raum, der über diese Zeit informiert? Wer weiß, vielleicht ist es schon viel, die Erinnerung daran in diesem virtuellen Raum festzuhalten. Denn, obwohl heute die „Alte Fuhrherrenstraße“ in das Dorf führt, verschwinden langsam die letzten Zeugnisse dieser Epoche.

In den 60er und 70er Jahren wurden etliche Fassaden der Fuhrherrenhäuser Buntenbocks bis zur Charakterlosigkeit „modernisiert“, die typische Raumaufteilung der Gebäude nach und nach aufgelöst. Nun ist ein Wohnhaus in der Regel kein Museum und sollte den Ansprüchen der jeweiligen Bewohnerinnen und Bewohnern genügen. Es schadete aber nichts, einmal innezuhalten und zu überlegen, ob die historische Aufteilung und Abmessung der Räume nicht sinnvoller, z. B. energiesparender war, als es dem geschichtslos drauf los renovierenden Zeitgenossen heute vorkommen mag.

Die Bilanz meiner bisherigen Arbeit lässt sich kurz zusammenfassen: Die Existenz des Fuhrherrendorfs Buntenbock verdankt sich wesentlich dem Bergbauboom des 16. Jahrhunderts. Die günstigen, durch die Bergfreiheiten garantierten, wirtschaftlichen Verhältnisse zogen eine Anzahl von Fuhrleuten aus dem Umland des Harzes an. Diese ließen sich auf dem Harz dauerhaft nieder und übernahmen die notwendigen Transporte im Bereich der Montanwirtschaft: Kohlenfuhr, Holzfuhr und Erzfuhr. Hinzu kam der Transport von Verbrauchsgütern für die Bevölkerung des Oberharzes. Die Fuhrherren entwickelten eine eigentümliche Kultur mit einem eigenen Standesbewusstsein.

Es hat sich für die Betreiber der Bergwerke und die Landesherren gerechnet und für die Fuhrherren gelohnt, diese Fuhrbetriebe auf ein bestimmtes Maß zu begrenzen und durch Konzessionen und Privilegien dauerhaft an sich zu binden. Wer die Familienbücher von Buntenbock durchblättert, findet immer wieder dieselben Familien aufgeführt, die meist untereinander heirateten und sich auch so in diesem Gewerbe behaupteten.

Wie stark und auf welche Weise rechtlich abgesichert diese Verbindung war, muss noch erforscht werden. Jedenfalls wurden in dem aufschlussreichen Briefwechsel mit den preußischen Behörden zwischen 1868 und 1870 die einstigen Privilegien letztlich als rechtlich unwirksam betrachtet.

In die Zeit nach der Übernahme der Leitung des Oberharzer Bergbaus durch die Königliche Preußische Berginspektion ab 1866 fällt die Phase des Niedergangs des Buntenbocker Fuhrgewerbes. Im Laufe der Entwicklung wurde der Bergbau immer kostenaufwändiger. Die wichtigsten Transporte wurden von der Eisenbahn übernommen. Die Konkurrenz der nebenberuflich tätigen Fuhrleute aus dem Harzvorland, die die Fuhrherren im Vergabeverfahren regelmäßig erfolgreich unterboten, war ein weiterer Faktor. Die Freiheit, die einst die Entwicklung des Fuhrwesens im Oberharz begünstigte, bedeutete letztlich auch ihr Ende.

Dies ist nur eine grobe und möglicherweise noch sehr ungenaue Skizze. Die komplexen Zusammenhänge, die bei näherer Beschäftigung mit dem Thema sichtbar werden, verdienen eine ausführlichere Darstellung. Welche Schlüsse und Vergleiche daraus für unsere Zeit gezogen werden können, wird sich zeigen. Ich freue mich jedenfalls über das Interesse an diesem Thema und über jeden Wink, der zur besseren Darstellung beitragen kann.

Langet Verhalen maket marohe Pere“

Ring für die Befestigung von Leinen zum Trocknen der Pferdedecken, Bormannshaus, Große Kammer, 2006.

Ring für die Befestigung von Leinen zum Trocknen der Pferdedecken, Große Kammer,  Bormannshaus, Buntenbock 2006.