Aber gebracht wird es

Und sodann hatte der Derwisch gesagt, daß der Kiradschi bereits warte. Die Kiradschia sind Fuhrleute, welche Gelegenheitsfuhren über die ganze Balkanhalbinsel unternehmen, ungefähr in derselben Weise, wie früher die ›Harzer‹ Landfuhrleute mit ihren schweren Lastwagen und messingbehangenen Pferden die verschiedensten Kaufmannsgüter durch Deutschland und durch die angrenzenden Gebiete schleppten.

Der Kiradschi ist der Spediteur des Balkans; er ist überall und nirgends; er kennt Alles und Alle; er weiß auf jede Frage Antwort. Wo er anhält, da ist er willkommen, denn er weiß zu erzählen, und in den wilden, zerrissenen Schluchten des Balkans gibt es Gegenden, in welche während des ganzen Jahres keine Kunde von außen dringen würde, wenn nicht einmal der Kiradschi käme, um nachzufragen, ob der einsame Hirt Käse genug für eine Wagenladung angesammelt habe.

Diese Fuhrleute bekommen Güter von hohem Werthe anvertraut, ohne daß man von ihnen irgend eine Caution verlangt. Die einzige Garantie besteht in ihrer Ehrlichkeit. Sie kommen nach Monaten, ja oft nach Jahren erst zurück; aber sie kommen und bringen das Geld. Ist der Vater unterdeß gestorben, so bringt es der Sohn oder der Schwiegersohn; aber gebracht wird es.

Diese Ehrlichkeit der Kiradschia ist seit alter Zeit ein bewährtes Sprüchwort; leider aber scheint es jetzt anders werden zu wollen. Zwischen die altbekannten Fuhrmannsfamilien haben sich Neulinge eingedrängt, welche sich das gewohnte Vertrauen zu Nutze machen und da ernten, wo ehrliche Leute säeten. Sie bringen den Kiradschi, dessen Namen auch sie natürlich angenommen haben, um seinen sauer erworbenen guten Ruf.

Ein solcher Fuhrmann wartete also bereits! Doch nicht vielleicht gar auf mich? Sollte ich transportirt werden? Hier inmitten der Stadt durfte ich Hoffnung auf Befreiung haben. War ich bis am nächsten Morgen nicht bei Hulam, so wurde von Seiten meiner Freunde und besonders meines kleinen Hadschi sicherlich Nichts unterlassen, um mich ausfindig zu machen.

Von Bagdad nach Stambul. Reiseerlebnisse von Carl May. Carl May’s gesammelte Reiseromane. Band III. Freiburg i. B. Verlag von Friedrich Ernst Fehsenfeld, 1892, S. 192. 

http://www.karl-may-gesellschaft.de/kmg/primlit/reise/gr/gr03/gr03-txt.pdf

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Der menschenfreundliche Retter war wohl ein Fuhrmann, der das Fuhrwesen als Gewerbe betrieb?« unterbrach ich seine Erzählung.
»Ja. Es war ein sogenannter Harzer Landfuhrmann.«
»Ah, die kenne ich. Die Leute zogen mit ihren schweren Lastwagen früher von Land zu Land, nahmen überall Gelegenheitsfrachten auf und kehrten oft erst nach mehreren Jahren in ihre Heimat zurück. Ihre Pferde hatten sie mit sonderbaren Kummeten und Dachsfellen ausgeputzt. Sie waren ehrliche Leute, denen man ein ganzes Vermögen getrost anvertrauen konnte. Der Ihrige aber scheint nicht ehrlich gewesen zu sein, wenigstens mit Ihnen nicht, weil er behauptete, daß er auch nach Amerika wolle, was doch keinesfalls die Wahrheit war. Höchst wahrscheinlich hat er Sie nur ausnützen wollen.«
»Das ist richtig. Zunächst aber schenkte ich ihm mein volles Vertrauen und gewann ihn sogar lieb. Er rief mich Konrad, und ich nannte ihn Vetter. Ich fütterte und putzte die Pferde, schlief bei ihnen im Stalle und nahm ihm auch sonst nach Kräften die Arbeit ab. Dafür erhielt ich mein Essen und zuweilen ein altes, abgetragenes Kleidungsstück, weiter nichts. Als nach und nach Monate vergingen, ohne daß wir nach Amerika kamen, merkte ich freilich, daß er mich belogen hatte; aber das ungebundene Leben gefiel mir, und so blieb ich bei ihm, bis er einmal eine Gelegenheitsfuhre nach Otterndorf bekam. Der Ort liegt in der Nähe der See; die Lust nach Amerika erwachte plötzlich von neuem und mit aller Gewalt, und die Folge war, daß ich ihm davonlief nach Bremerhaven.

aus: Karl May; Satan und Ischariot II, Kap. 3 – Ein Millionär

Karl Mays Erzählung „Satan und Ischariot“ erschien zuerst in drei Teilen in der Wochenzeitschrift „Deutscher Hausschatz in Wort und Bild„.

Die Gesamthandlung der Trilogie umfasst einen Zeitraum von mehreren Jahren und wird nicht chronologisch, sondern mit Rückblenden erzählt. Inhaltlich geht es um die Verfolgung der Schurkenfamilie Melton, die die Helden über verschiedene Kontinente führt.

Text online: http://gutenberg.spiegel.de/buch/2339/4

Werk: http://karl-may-wiki.de/index.php/Satan_und_Ischariot

Werkgeschichte: http://karl-may-buecher.de/textklammer.php?_id=20