Fuhrherren, Fuhrleute, Fuhrknechte

Fuhrherren, Fuhrleute, Fuhrknechte

Buntenbock hatte in einst eine sehr zentrale und verkehrsgünstige Lage an alten Handels- und Transportstraßen wie z.B. die Alte Harzstraße und der Hundscher Weg. Von hier gut zu erreichen war der Oberharz mit der Clausthaler Hütte und den Gruben sowie den vielen am Wasser liegenden Pochwerken (Erzaufbereitungen), aber auch die Eisensteingruben um Lerbach und Osterode, deren Erz in die Eisenhütten in Osterode und an Harzrand transportiert werden musste. Außerdem musste Getreide vom Kornmagazin in Osterode auf den Oberharz gebracht werden, Holzkohle aus dem Solling herangeschafft werden und Holz aus dem Wald in die Städte und zu den Bergwerken transportiert werden…

Flyer: Kulturdenkmal Oberharzer Wasserregal – Eine schematische Darstellung

ERZAUFBEREITUNG UND VERHÜTTUNG

Das Erz musste eine ganze Reihe von Stationen durchlaufen, bis das für die Münzprägung notwendige Silber gewonnen werden konnte. Und immer wieder wurde dabei die Wasserkraft gebraucht. War das Haufwerk im Schacht zu Tage getrieben, brachten die Harzer Fuhrherren es mit dem Erzkarren zum Pochwerk. Hier mussten als erstes Pochknaben am Klaubtisch die erzhaltigen Brocken vom tauben Gestein trennen. Der silberhaltige Bleiglanz war in dem ihn umgebenden Steinmaterial in einem Anteil von oft weniger als 1 Prozent enthalten. Um ihn herauslösen zu können, wurden die Brocken unter den Pochstempeln bis zur Sandkorn- größe zerkleinert …

Das Fuhrherrendorf Buntenbock

Fuhrherrendorf Buntenbock

Das Fuhrherrendorf Buntenbock – Luftbildaufnahme ca. 20er-30er Jahre d. 20. Jh. – Fotograf unbekannt.

Wer hat denn nur den Dampf erdacht,
Die Fuhrleut‘ um ihr Brot gebracht?
Wir sind fürwahr jetzt übel dran.
Der Teufel hol die Eisenbahn!“

Vers, entstanden vermutl. 19./20. Jh., zitiert bei Ursula Vollbrecht; Beiträge zur Harzer Volkskunde, Clausthal-Zellerfeld 1973, S.17.

„Man wird vielen von dem gemeinen Volcke in dem Ober-Hartz kein großes Unrecht Thun, wenn man ihnen ein grobes, plumpes und ungestümmes Bezeugen so wohl gegen Fremde, als auch gegen ihre Vorgesetzte von Geistlichen und Weltlichen Stande beileget. Jedoch habe (sc. ich) nicht allein selbst erfahren, sondern auch von andern gehöret, daß auch in diesem Stücke in Ansehung der Oerter und Städte ein Unterscheid wahrzunehmen.

Es ist die Wahrheit ziemlich gemäß, daß die Grobheit der Einwohner mit der Höhe und Rauhigkeit der Harzgebirge zunimmt, daß man beinahe sagen könnte: Je rauher der Harz, je grober der Harzmann.

Also sind die Einwohner der Städte Gitter, Grunde und Adreas-Berg schon um einen großen Theil glimpflicher und bescheidener, als die auf höhern Gebürgen wohnhaft, die allergröbste Sorte aber zeiget sich vor andern im Clausthal und Zellerfelde.

Die Fremden erfahren dieses, so bald sie an diesen Orten ankommen. Hier versammelt sich eine grosse Menge ungezogener Berg-Jungen, welche auf eine ungestüme Weise um eine Gabe anhalten, und nicht alleine viele stunden mit ihren gewöhnlichen und beständigen Zuruff: Herr Vetter! die Fremden beunruhigen, sondern sie auch eine Gasse auf die andere nieder verfolgen. Man erfährt auch an diesen und einigen andern Oertern des Ober-Hartzes von den Alten mancherley Grobheit, wenn sie in einer grossen Anzahl beisammen sind.

Die plumpsten unter allen (scil. Bewohnern des Oberharzes) sind wohl die Holzhauer, Kohlenbrenner und Fuhrleute, welche in die Schmelzhütten Kohlen und Erze fahren. Wo ein zu Wagen Reisender solchen, zumal wenn sie in starker Anzahl, welches doch gemeiniglich ist, auf der Straßen beisammen sind, begegnet und nicht allsofort, wo es nur einige Möglichkeit sein will, aus dem Wege weichet, so hat er gewiß die unangenehmsten Worte von ihnen zu vernehmen.

Sie dünken sich mehr priviligiert zu sein als die Postillons und sagen öffentlich, es müßten ihnen alle Fürsten und Potentaten, auch ihr Landesherr selbst, wenn sie nicht gutwillig nachgeben wollten, wenn sie mit Kohlen und Erzen beladen waren, aus dem Wege weichen.

Julius Bernhard von Rohr, Geographische und historische Merkwürdigkeiten des Ober-Hartzes, Frankfurt und Leipzig 1739, zitiert bei Friedrich Günther; Die Bewohner des Oberharzes, in: „Der Harz“ 1887.

Fuhrherrendorf Buntenbock

Über Buntenbocks Gründung und die Entstehung seines Namens ist wenig überliefert. Buntenbock entstand wahrscheinlich um 1300 als Siedlung um zwei Eisenhütten. Der Name stammt vermutlich aus dem Mittelhochdeutschen und bezieht sich auf die Lage Buntenbocks auf hügeligem Gebiet an einem Bach, nämlich der Innerste. Fest steht, dass Buntenbocks frühe Bewohner vom Fuhrwesen lebten und nicht wie in Clausthal und Zellerfeld aus dem Erzgebirge stammten, sondern aus Lerbach, Osterode und dem Südharzvorland. Buntenbock ist nämlich eine niederdeutsche Sprachinsel im Oberharz, dessen oberdeutsche Mundart von den erzgebirgischen Bergleuten geprägt wurde, die sich im 16. Jh. hier niederließen. Nach dem Erliegen des Hüttenbetriebes entwickelte sich Buntenbock ab 1550 mehr und mehr zu einem bedeutenden Ort des Fuhrwesens für den wieder aufkommenden Bergbau des Oberharzes.

Schauvitrine zum Alltag der Fuhrleute im Hütten- und Technikmuseum Ilsenburg (Foto: dbrinkschulte)

Die Tracht der Harzer Fuhrherren und Fuhrleute

Viele Gegenden in Deutschland zeichnen sich durch zum Teil wunderschöne Trachten aus; die Trachtenlandschaft des Harzes, eine Gebirgslandschaft in Norddeutschland, ist weitgehend unbekannt, obwohl es auch hier viele verschiedene Trachten gab.
Einen kleinen Überblick darüber sollen diese Seiten vermitteln.
Überwiegend sind sie mit den Bildern von Rudolf Nickel   (7.4.1890 – 27.4.1975)  aus Goslar illustriert.

1889 – ein aufregendes Jahr

1889 – ein aufregendes Jahr: Der Eiffelturm ragt pünktlich zur Weltausstellung in den Pariser Himmel. Mit seinen 324 Meter ü NN ist der Koloss aus Stahl zu diesem Zeitpunkt das höchste Gebäude der Welt. Zwei Jahre zuvor startet das erste moderne Automobil, konstruiert von Carl Benz, in Mannheim. Die Eisenbahn hat bereits 1877 die Oberharzer Bergstädte Clausthal und Zellerfeld erreicht.

Die Chemiker Ludwig Mond und Charles Langer prägen 1889 den Begriff „Brennstoffzelle“ für die zukunftsweisende Wandlung von chemischer in elektrische Energie. Im selben Jahr entwickelte der Amerikaner George Eastman den ersten Rollfilm und ermöglicht so, mehrere Bilder hintereinander zu machen.

In diesem Jahr entsteht irgendwo im Oberharz auf einem Hai, einer grasbewachsenen Rodungsfläche, eine Fotografie. Der Fotograf ist dafür eigens in den Wald gekommen und hat seine Kamera aufgebaut. Vermutlich arbeitet er noch mit dem üblichen aufwändigen Verfahren der Belichtung von mit lichtempfindlichen Material beschichteten Glasplatten.

Der Fotograf arrangiert die Personen und Dinge, die er darstellen will, zu einem Gesamtbild. Im Vordergrund steht die Köhlerhütte. Zwei Kinder sitzen angelehnt an der grob aus Holzstämmen und Rinde gebauten Köte. Während der Sommermonate bietet sie der Familie Unterkunft.

Eine Kiepenfrau wartet konzentriert und ein bisschen ungeduldig darauf, dass das Bild im Kasten ist. Offenbar hat sie im Korb auf ihrem Rücken Waren zur entlegenen Köhlerei gebracht. Im Hintergrund qualmt der Meiler. Der Köhler steht in schwarzer Tracht vor dem sorgfältig geschichteten und während der Verkohlung Tag und Nacht beaufsichtigten Kegel aus Holzscheiten. Jetzt ist der Meiler fast völlig ausgeladen. Die Holzkohle ist bereit zum Abtransport.

Drei Fuhrleute sind bereit, die mühsam gewonnene Holzkohle mit ihren zweirädrigen Karren zu den Hüttenorten im Harzer Umland zu transportieren. Sie tragen die typische Tracht: Blauer Kittel, Manchesterhosen und auf dem Kopf den Schlapphut.

Ein junger Mann sitzt rechts im Bild auf einer Art schmaler Bank, möglicherweise fertigt er Schindeln aus Fichtenholz für die typische Außenverkleidung der Harzer Häuser.

Ganz vorn haben sich zwei Männer dekorativ ins Gras gelegt. Vermutlich sind sie auf den Fototermin hin oder nur zufällig vorbei gekommen: Sommerfrischler, die im Harz Erholung suchen.

Die Fotografie hält einen Moment fest, der vom Fotografen so arrangiert ist. Für ihn haben sich die verschiedenen Personen und Vertreter typischer Harzer Berufsgruppen im Bild postiert und warten geduldig ungeduldig in ihrer typischen Tracht und in ihrer besten Kleidung darauf, dass die Platte belichtet ist.

Das Bild ist damals schon ein sentimentales Zeugnis einer untergehenden Epoche. Es hing lange Zeit auf der Diele des Bormannshauses in Buntenbock, einem typischen Gebäude des einstigen Fuhrherrendorfes im Oberharz. Die Geschichte dieser Berufsgruppe wartet noch auf eine umfassende Darstellung von ihren Ursprüngen bis in die Gegenwart.

Dieser Blog soll einen Beitrag dazu leisten. 

Oberharz 1889