Fuhrmannstaufe

 

Ilfeld I Das Nadelöhr

Ilfeld | Das Nadelöhr | Foto: Eckie22 Eckbert John – Wikimedia Commons

 

Auf der Heerstraße hinter dem Ort [Ihlfeld] geriethen wir mitten in eine lebhafte Volks-Scene, die bösartiger Natur schien, und säumten nicht, mit Wort und That einem Einzelnen beizustehen, der von der Mehrzahl misshandelt schien.

Mehrere mit Leinwandüberwölbte und mit langen Zügen muthiger Hengste Pferd an Pferd bespannte Wagen hielten auf der Chaussee.

Die Führer in ihren blauen Staubhemden aber waren unter boshaftem Geschrei und spöttischem Gelächter um einen Felsblock von seltsamer Gestalt beschäftigt, den sie zum Marterblock eines ihrer Kameraden ausersehen.

Der weisse Stein glich beinahe einem auf die Spitze gestellten Triangel und hatte mitten eine einge Spalte; in ihr steckte der muskulöse und wolbeleibte Bursche, und die Uebrigen bemühten sich, mit ihren groben, safrangelben Zigeunerhänden den Eingeklemmten und laut Aechzenden hindurch zu spediren. Es gelang, der Bursche stand auf den Beinen, aber die Kleidung hing zerfetzt und die Schultern waren geschunden, doch lächlete der junge Mensch sausersüss in die Morgenluft hinein.

Ein alter Fuhrmann klärte uns die Sache auf.

Der Stein hiess das Ilefelder Nadelöhr, und jeder Kärrner, der um ersten Male diese Strasse von Nordhausen herauf passirt, muss sich dem Durchkriechen unterwerffen. Es war also eine Art Neptununs-Taufe am Aequator auf dem Lande gewesen, und dieses Nadelöhr, den Magern Freund, den Wohlbeleibten Feind, mochte schon manchem Dorfschneider Arbeit gegeben haben. –

„Die Geschichte wäre für unsern Fränzel ein Gaudium gewesen,“ bemerkte unser Musikus, erschrak aber und brach ab, als er die Wolken sah, welche diese Erinnerung auf alle Gesichter legte.

Wilhelm Blumenhagen; Wanderungen durch den Harz, S. 183f. Leipzig 1838.

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„Jeder Geschmack wird nicht leer ausgehen.“

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„Doch auch hier – wie überall im Harz – empfängt den Fremden altgermanische Gastlichkeit, jene Treuherzigkeit, die den Gast schnell mit dem Wirt befreundet, und beiden das Scheiden verbittert, und mit ihnen verbindet sich ein unerwarteter Hang zur Geselligkeit, der nur in freundlichen, freien, offenen und zufriedenen Herzen erblüht, der früher sich nicht schrecken ließ durch den gefährlichen Felsweg, durch den engen Pfad am Rande der Abgründe, der jetzt durch die neuerdings, überall durchgezogenen bequemen Kunststraßen für Pferd und Wagen jeder Art die gewünschte Erleichterung findet und der selbst im tiefsten Winter, wenn der Schnee mannshoch sich häuft und die Tannenwälder, mit ungeheuren Grabtüchern bedeckt, in toter Majestät schaurig daliegen, im Hindernis einen Sporn findet, mit dem weithin klingenden Schellengeläut fliegender Schlitten die öde Wildnis belebt und Ort mit Ort, Freund mit Freund zu fröhlichen Festabenden verknüpft – Welche Mannigfaltigkeit von Genüssen und Ergötzlichkeiten eine Wanderung durch solche Gegenden für jedes Gemüt, das die notwendige Empfänglichkeit mitbringt, darbietet, läßt sich aus dem Gesagten abnehmen.
Jeder Geschmack wird nicht leer ausgehen.“

Wilhelm Blumenhagen (1781-1839); Der Harz, mit 30 Stahlstichen nach Ludwig Richter, Reihe: Das malerische und romantische Deutschland in 10 Sektionen, München (Verlag Lothar Borowsky, o. J., S.12f.