Rubens_-_Vulcano_forjando_los_rayos_de_Júpiter

An den Harz.

Hercynien, bergigtes Land, du sahst den empfinden-
den Busen
Unschuldig jugendlich sich freun;
Dort freylich gefrieren Genies, kein Satyr und keine
der Musen
umtanzen deinen kalten Hayn.

Es thürmen sich zu dem Olymp steilhangende, drohende
Klippen,
um die ein ew’ger Nebel fließt.
Dein Blocksberg wird nie zum Parnaß. Es singen nie
dicht’rische Lippen,
Wo man stets wuchert, selten liest.

Still, öd, melancholisch und todt, liegt, wirthbar den
schüchternen Eulen,
Dein meilenlanger Tannenwald;
Wo nie Philomene geklagt, Uhuhs dissonantisch nur
heulen
Und nur des Fuhrmanns Peitsche knallt.

Wie fürchterlich schwärzt sich dein Wald, wenn Phoebus,
bei drohenden Wettern
Sein Haupt in Donnerwolken hüllt,
Zeus flammende Himmel durchrollt, und dann mit dem
gräßlichsten Schmettern,
der Nachhall neue Donner brüllt.

Es stürtzt ins antwortende Thal, ein ewig einförmiges
Knarren
der Künste, von dem Wasser schwer.
Im hohlen und felsigten Weg seufzt mancher befrachtete
Karren;
Kein Phaeton wagt sich hieher.

Man höret ein wildes Getös, ein Prasseln erschrecklicher
Flammen,
Das Poch- und Hüttenwerk umziehn.
So schmiedete Vulcans Geschlecht des Jupiter Waffen
zusammen,
und glühte wie hier Schmelzer glühn.

Den Bauch deiner Erde voll Erzt zerschmettern die
Donnrer im Kittel,
daß ängstlich das Gebirge kracht.
Sie hauen die blitzende Wand, den Stoff embryonischer
Mittel
Zum Unterhalt, doch mehr zur Pracht.

Du Pflanz-Ort der Nothdurft und Pracht, o möchten in
deinen Gefilden
Auch Kenner und Mäcene seyn! –
Gefilde, wie seid ihr so kalt, empfindende Herzen zu bilden!
So rauh, sich mit Geschmack zu freun!

Und dennoch verflossen bei euch die tändelnden müßigen
Jahre,
Sanft wie der klare Bach verfließt.
Ganz Knabe bey hüpfender Luft, mit Blumen um lockigte
Haare
Hab ich gelacht, gescherzt, geküßt.

O säht ihr den denkenden Mann, wie ehmals den spie-
lenden Knaben
Noch sorgenfrey der Lust sich weihn!
Euch wünsch ich entfernt ein Glück auf! Mir wünsch ich
die Ruhe zu haben,
Noch einmal dort vergnügt zu seyn.

Johann Friedrich Löwen (* 13. September 1727 in Clausthal; † 23. Dezember 1771 in Rostock), Poetische Werke, Zweyter Theil, Oden und Lieder in vier Büchern, Zweytes Buch, Hamburg und Leipzig (Grunds Witwe und Holle) 1760, S. 193f.

http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Friedrich_Löwen

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