Es lebe der Wettbewerb …

Erster Brief | Antwort | 1869 | 22. Januar

Gebühren-Stempel mit preußischem Adler                 Clausthal, den 22. Januar 1869

Sechs Groschen

  1. GR:

Nro II.

 

Auf die Eingabe vom 5. December 1868
müssen wir Ihnen erwidern, daß wir
auf den Antrag, bei dem Vergeben aller
herrschaftlichen Fuhren durch Minus-Lici-
tationen
lediglich die Oberharzer Fuhrleu-
te zuzulassen, in keiner Weise eingehen
können, daß wir es vielmehr den letz-
teren überlaßen müßen, durch die
Stellung billigster Forderungen in den
Terminen sich ununterbrochen Beschäftigung
zu sichern.

Königliches Oberbergamt

Ottmann

 

An die Bergfuhrleute Adam Gärtner

und Wilh. Borrmann zu Buntenbock

 

17850 Kosten

Stempel pro hoc                                         ______________ 6 Sgr.

zur Eingabe incl. zum 2. Bogen derselben cass. ________ 8 „

                                                                   __________ .//. 14 Sgr.

W. 4 der Stemp. Journ. Durch Postvorschuß erhoben  Unterschrift (H. F. Willner)

______________________________________________________________________ (Umschlagbogen)

Portopfl. P. S. An die Bergfuhrleute Adam Gärtner & Wilhelm Borrmann in Buntenbock

Postvorschuß 14 Sgr. = Vierzehn Slbgr

N“ 4 des Stemp. Journ. _____

Absdr. Königl. Oberbergamt Clausthal

(Randbemerkung Schmalseite) Herrn Heinrich Gaert(n)er Auslage mit 17 Gr. bezahlt !!

Briefverschluss: Siegel „Köngigliches Oberbergamt“ Weißes Wappen auf blauem Grund/ Wilde Männer – Adlerwappen

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Braindrain nach Sachsen

freiberg-sw-Web

Auffindung des Silbers bei Freiberg durch Harzer Fuhrleute | Postkarte um 1910 | nach Aufnahmen v. Hofphotograph Otto Hertel, Freiburg i Sa., Erbischestr. 11.

Harzer Fuhrleute sollen im 12. Jahrhundert den Reichtum Freibergs begründet haben. Die Legende berichtet, dass den Fuhrleuten im Jahre 1168, beim Herausheben eines in einer Fuhrt des Lößnitzbaches (Erzgebirge) eingesunkenen Wagenrades, hellglänzende Bleierzbrocken aufgefallen seien, s. besucherbergwerk-freiberg.de. Nach Goslar zurückgekehrt, ließen sie den Silbergehalt des Erzes untersuchen. Ergebnis: Der Silberanteil war weit höher als der im Harzer Gebiet. Viele Harzer Fachkräfte und Unternehmer machten sich auf ins Erzgebirge. Der Boom begann – das „Erste Berggeschrey“.

Annaberger-Bergaltar2web

Fuhrmann mit Karren | Einspänner | Erzgebirge| Annaberger Bergalter Detail| Hans Hesse 1522|1523 | Quelle: Wikimedia Commons

Fuhrmann-Annaberg-Hesse

Fuhrmann mit Karren | Zweispänner | Annaberger Bergalter Detail| Hans Hesse 1522|1523 | Quelle: Wikimedia Commons

 

„Wir haben keinen anderen Verdienst und fühlen uns gekränkt …“

Erster Brief | 1868 | 5. Dezember

No 1 Buntenbock den 5 Decbr

1868

An

Königlich Preußisches Ober. Bergamt

zu

Clausthal

Unterthänige Vorstellung und Bitte

der Fuhrleute Adam Gärtner, Carl August Gärtner, Georg und Wilhelm Gärtner, Julius Schubert, Wilhelm Borrmann, Julius Borrmann, Adam Hille’s Wittwe und Heinrich Hille zu Buntenbock, für sich und die übrigen bisherigen herrschaftlichen Fuhrleute,

Fuhrbeschäftigung betr.

Wenn wir, die vorstehenden Supplikanten [Bittsteller] es ehrerbietigst wagen, Königliches Oberbergamt mit dieser Vorstellung zu belästigen, so ist es die Noth, welche uns dazu drängt. Wir haben die bei unserer damaligen Concessionierung angeschafften Pferde so weit als möglich zu bezahlen und zu beschäftigen gesucht, vermögen dieses aber für die Folge fast nicht mehr, wenn uns nicht von hoher Behörde eine billige Berücksichtigung, wie wir solche in früheren Zeiten erfahren haben, zu Theil wird.

Beiden bisherigen Minus-Licitationen können wir nicht bestehen, haben uns auch wieder bei der letzteren am 24. d. Mts auf Clausthaler Silberhütte Statt gefunden, nur gering betheiligen können, da wir das Fuhrwesen nicht wie andere Mitbietende als Nebengeschäft, sondern als alleiniges Geschäft betreiben und mit Familie und Dienstpersonal davon leben müssen.

Der Herr Hütten-Inspector Kast hat auch gern die pünktliche Besor[g]ung der Fuhren von unserer Seite anerkannt und seine Zufriedenheit darüber ausgesprochen, würde auch einer vorzugsweisen billigen Berücksichtigung unserer Lage nicht abgeneigt sein, wenn die Umstände dieses zuließen.

Wir die consessionierten Fuhrleute des Oberharzes, jetzt noch 34 an der Zahl, sind mit unserem lieben Berg- und Hüttenwesen größtentheils schon lange Jahre verwachsen und die besondere Anhänglichkeit daran ist von unseren Vätern auf uns verlebt, so daß wir uns glücklich fühlen, wenn wir mit unserem lebendigen Capitale durch ununterbrochene Beschäftigung im Dienste unserer hochverehrten Behörde unser bescheidenes Auskommen finden.

Wir haben keinen anderen Verdienst und fühlen uns gekränkt, wenn wir im Hinblick auf unsere Concession dennoch eine Zurücksetzung gegen fremde Concurrenten erfahren und dieses um so mehr als wir uns glauben zu denjenigen zählen zu dürfen, denen durch Allerhöchstes Wort die Zusicherung gegeben ist, daß sie in ihren wohlerworbenen Rechten nicht gekränkt werden sollen, und daß wir durch unsere Concessionen Rechte erworben haben, liegt wohl zweifellos daran, daß jetzt noch mehrere unserer Vorgänger seit dem Aufhören ihres Geschäfts Pension aus herrschaftlichen Cassen beziehen, welche sogar nach dem früheren Ableben auf deren Wittwen übergehen.

Auch glauben wir ohne Anmaßung die Ansicht äußern zu dürfen, daß es der hohen Behörde bei dem … ausgebreiteten Bedürfnisse an Fuhr nur angenehm sein kann uns stets bereit zu haben.

Wir werden aber leider bei den hohen Haferpreisen und den beträchtlichen Kosten für die Knechte und die Erhaltung des Geschirrs immer mehr zurückkommen und schließlich zu Grunde gehen wenn wir den Beistand hoher Behörde nicht mehr finden und werden uns deshalb an Hochdieselbe mit der unterthänigen Bitte, hochgewogentlichst behufiger Anweisungen ergehen zu lassen, daß wir beim Vergeben der herrschaftlichen Fuhren vorzugsweise um in dem Maße berücksichtigt werden, daß wir ohne Unterbrechung Beschäftigung und angemessenen Verdienst finden.

Falls Mangel zu dieser Eingabe erforderlich sein sollte, bitten wir um hochgewogentliche Cassierung desselben auf unsere Kosten gehorsamst.

Wir verharren ehrerbietigst

und

unterthänig

die rubricierten Supplicanten und für dieselben

Bergfreyheit

Bergfreyheit. Dieses Wort bedeutet

  1. gewisse Privilegien, welche sowohl den Bergorten, [als den mit dem Bergbaue unmittelbar beschäftigten Personen] vom Landesherrn ertheilet werden. [In Chursachsen bestehen solche 1) was die Bergorte betrifft, in den halben Land- und Tranksteuererlaß, in der halben Accismoderation, in der Freyheit von Zoll und Geleite; 2) In Rücksicht der bei dem und mit dem Bergbaue beschäftigten Personen giebt es zweyerley Arten von Freyheiten , nämlich

          a) für die Bergleute (Beamte und gemeine),

  • daß sie für sich und ihre Kinder einen privilegirten Gerichtshof haben;

  • daß sie nicht zu Soldaten genommen werden dürfen;

  • daß sie für ihre Person von der Quatember- und Kontributionssteuer gänzlich befreit sind;

  • daß sie, wie die Einwohner der Bergorte überhaupt, der Accismoderation theilhaftig sind;

  • daß sie sich durch eine eigne Uniform von andern Ständen unterscheiden dürfen;b) für die Gewerken,
  • daß sie ihrer Bergtheile keines Verbrechens wegen verlustig werden;
  • daß sie Schulden halber auf ihre Bergtheile nicht ausgeklagt werden können,
  • (diese Freyheit leidet jedoch in manchen Fällen einige Einschränkung);
  • daß sie ihre Schichtmeister, Lehnträger und Versorger aus drey von dem Bergamte vorgeschlagenen Subjekten selbst wählen dürfen;
  • daß sie in Bezug auf ihre Bergtheile ein forum privilegiatum haben;
  • daß sie bey der Aufrechnung ihre Erinnerungen vorbringen können;

  • daß sie in Rücksicht der Bergmaterialien von Land- und Generalaccise, ingleichen von Zoll- Geleit- und Einfuhrgeldern frey sind;

  • daß sie an denen im Retardate vorhandenen Kuxen, das Anboth- und Vorzugsrecht haben;

  • daß sie bey neu aufgenommenen Berggebäuden Quatemberfreyheit auf Ein Quartal, und Zehnden – und Zwanzigstenerlaß auf die ersten 6 Jahre haben.

    S. Köhlers Anleitung zu den Bergrechten. S. 139 f. dessen kurze Uebersicht der Bergwerksverfassung in Chursachsen im Bergmännischen Taschenbuche auf das Jahr 1790. S. 90, 105 u.m.O. Wagners Chursächsische Bergverfassung S. 60 – 82. Bergm. Wörterbuch, S. 67. L.]

Zu den Bergfreyheiten gehört auch die Holzfreiheit, bey manchen, z. E. Harzischen, Böhmischen, Würtembergischen und andern Bergwerken. So bekommt der Oberharz alles zum Bergbau und Hütten nöthige Holz aus den dasigen Forsien ganz forstzinsfrey, welches sich aus der Bergfreyheit des Herzog Ernst zu Braunschweig und Lüneburg von 1554 herschreibt, wo es Art. 1. heißt:


Daß sie uff unsern Wäldern zu aller Nohtdurfft, Schachtholz, Bauholz zu Bauung aller Schächte, Hütten, Puchwerke, Röste-Holz auch Brenholz nach Nohtdurft ohne allen Forstzinns, doch nach der Anweisung unsrer Förster in unsren Gehöltzen, wo das will gelegen seyn (doch nichts davon zu verkaufen) bedürffen werden, zu hohlen und zu gebrauchen.„


Andreasberg hat seine Aufbauung der Bergfreyheit von den Grafen von Hohnstein und Lutterberg, Ernst und Heinrichen d. a. 1521 zu danken.

Ueberhaupt haben die Bergleute, vorzüglich die Harzer, sehr viel Freyheiten, diese z. E. wohnen ganz frey*) in offnen Städten und Oertern; geben kein Schutzgeld, sondern bloß ein gewisses Pfarr- und Baugeld, und die unter Bergbaucasse bemerkte selbst bewilligte Bieraccise zu Unterstützung des Bergbaues. Sie können ohne Unterschied selbst Bierbrauen, fremdes Bier verschenken, alle bürgerliche Nahrung treiben. Ihre Viktualien kommen zollfrey ein, es gilt auf ihren Märkten kein Vorkauf.

*) S. Verordnung wegen Befreyung des Einseitig- und Communharzes von der Consumtionsaccise, den 6 Febr. 1687.

Die Bergleute für ihre Person, sind Zins- Schoß- Steuer- Schaarwachen- und Frohndienst frey;
haben freyen Abzug mit aller ihrer Haabe;
 sie haben ferner von Bartholomäi bis Fastnachten , einen Theil der Jagd- und Fischgerechtigkeit.
 Bey Verkauf von Häusern und Baustellen, haben sie das Vorkaufsrecht, *) u. s. w. **).

*) S. Clausthaler Bergresolutionen von 1678 – 1679 §. LXXX.
corp. jur. met. Tom. I. p. 1073.
**) S. das mehrere in der Bergfreyheit Herzog Ernsts vom Jahr 1554.

Wegen dieser verschiedenen Freyheiten aber, dürfen auch in den freyen Bergorten selbst, außer den Bergleuten, nur die nothwendigsten Handwerker, Künstler, Geistliche u. s. f. wohnen, und darf sich kein Fremder ohne des Berghauptmanns unterschriebene schriftliche Erlaubniß, niederlassen, um nicht den Preis der Lebensmittel zu erhöhen, und die Consumtion des Holzes zu vermehren, wofür nur Hauer- und Fuhrlohn bezahlt wird.
 S. Freiesleben a. a. O. Th. l. S. 413 f.

II) Die Gegend, Plätze und Immobilien, welche unter Bergamtsjurisdiktion liegen, wie denn z. E. zu Schneeberg und andern Orten verschiedene Einwohner unter des Bergamtsgerichtsbarkeit, oder Bergfreyheit wohnen. Bergm. Wörterbuch. S. 67.

Swen Rinmann’s Königl. Schwedischen Berggraths und Ritter des Wasa-Ordens allgemeines Bergwerkslexikon. Nach dem schwedischen Original bearbeitet und nach den neuesten Entdeckungen vermehrt von einer Gesellschaft deutscher Gelehrten und Mineralogen. Erster Theil. Enthält A bis Berg. Mit Kupfern. Leipzig 1808. bey Fr. Chr. W. Vogel.

Ils sont nombreux, grossiers …

„Da die Clausthaler Pochwerke nun alle von den Gruben so weit entfernt liegen, so schien es uns bey dem hiesigen Aufbereitungswesen ein vorzüglicher Mangel zu seyn, daß selbst das Ausschlagen der Pochgänge nicht an dem Treibeschacht, sondern erst vor den Pochwerken geschieht, so daß der ohnehin weite Transport bis in die letzern, noch durch die vielen Berge erschwert wird, die man ohne Noth – und wie es scheint, blos um den Fuhrherrn **) einen gleichförmgen

**) Ueber die Wichtigkeit, zu der sich die Clausthaler Bergfuhrleute erhoben haben, ist folgende Stelle aus des Baron von Dieterich Discours préliminaire zu den ‚Observations de M. de Trebra sur l’Interieur des Montagnes. Paris et Strasbourg. 1787. fol. p. XLIV. Merkwürdig; wo es heißt: „Les voituriers sont constamment la loi à l’administrations des mines du Hartz. Ces gens y sont corps, ils ont les droits exclusif de fournir toutes les voitures pour le transport des minerais aux différens ateliers, et du métal marchand aux magasins. Ils sont nombreux, grossiers, prompts à s’amenter, et capables de faire manquer le service, si quelquechose leut déplaît. Je dois rendre aux administrateurs, certe justice, de convenir qu’ils cherchoient les moyens de reméchier a cet ancien abus.“ – Außerdem verdienen auch noch die Beschwerden über die Rohheit, das Anmaßende und den Starrsinn der Oberharzer Erz- und Kohlenfuhrleute nachgelesen zu werden, die von Rohr a.a.O. VI. Abth. s. Cap. §. 45. S. 212. führt.“

§, 249.

Die Bezahlung der Bergfuhren geschieht treibenweise; und zwar 1 Oberharzer Treiben zu 40 Tonnen gerechnet. Vor dem Jahre 1728 wurden zu Clausthal von jedem Treiben der Dorotheer und Caroliner Erze nach den Innerst-Pochwerken, 7 Mfl. (= Mariengulden) Fuhrlohn gegeben. Hingegen im Jahr 1728 wurde nach den 3 neuen Pochwerken im Polsterthale von jedem Treiben Erz, 5 Mfl. Und 5 Mgr. (= Mariengroschen) bezahlt. Die Clausthaler Bergfuhrleute sollen übrigens eine besondere Instruction haben, die uns Gatterer *) aus einem Manuscripte mittheilt;

* S. Gatterers Beschreibung des Harzes Th. I. 1792. C.I.Abth. 16. von dem Harzer Wiesenbau und Viehzucht §. 175. S. 132-134.

nach welcher z. E.

  1. Die Ladung auf 1 Pferd über Berg und Thal 6 Centner seyn soll.
  2. Eine Tagesfuhre soll seyn 10 Stunden incl. 2 Stunden, die auf Fütterung und Laden gerechnet werden.

  3. Auf eine volle Tagesfuhre soll der tägliche Verdienst 21 Mgr. seyn, wenn der Haberpreis nicht unter 9 Mgr. und nicht über 12 Mgr. Stehet.

  4. Steigt der Haberpreis über 12 Mgr., so soll das, was 5 Himten Haber in der Woche mehr kosten, auf 6 Tage eingetheilt, und täglich so viel mehr Haberzulage gegeben werden, als es die Eintheilung auf 6 Tage ergiebt (vergl.oben §. 139) jedoch so, daß

  5. wenn der Haberpreis auf einige Wochen nur steigt, die Haberzulage nicht statt haben soll.

  6. Bey Schlittenbahne gelten dieselben Löhne wie bey Wagenfuhren.

  7. Bey der Berechnung der Weite des Weges wird genau auf die Lage der Orte, und dabey selbst auf 1/4 Stunde Rücksicht genommen.

  8. Bey Kohlenfuhren rechnet man auf 1 Pferd
    1 Karren Tannenkohlen, oder
    2 Malter Röstholz, oder
    35 Stück Wasen;
    würden aber buchene Kohlen gefahren, so soll
    1 Karren Buchenkohlen 1/3 mehr Fuhrlohn kostenals Tannenkohlen.

  9. Müssen die Fuhrleute des Nachts unterwegs bleiben, so wird auf 1 Pferd noch 1 Gr. über das festgesetzte Lohn gerechnet.

    Ende des vorigen Jahrhunderts schaffte man, und zwar im Jahr 1694, um diese Bergfuhren doch etwas wohlfeiler zu machen, statt der Pferde ungarische Ochsen an; welche man aber nicht lange beybehielt, weil jeder binnen 24 Stunden 99 Pfund Heu gefressen haben soll. *)

    Gegenwärtig hat man zu Clausthal allein 8 bis 9 Fuhrherrn, von denen jeder eben so viele Pferde hält.

*) S. Gatterer Th. V. S. 453. §. 175. – Calvör Th. II. S. 77. 1.

§. 250.

Erzwagen heißen hier Höhlwagen, und die Pocherze nimmt der Pochsteiger nach der Anzahl Treiben in Empfang, welches nach den Höhlen selbst berechnet wird; denn diese halten 5 bis 6 Tonnen, wie dies allemal an der Hinterwand des Kastens mit Zahlen eingeschitten ist. *)

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§. 251.

Von dem Bergamte werden die Gruben angewiesen, in was für Pochwerken sie ihre Erze sollen pochen lassen, wobei man die Absicht hat, daß die Gruben, welche die meiste Ausbeute geben, ihre Erze auf den entlegensten Pochwerken pochen und waschen lassen müssen, weil sie die weiten Transportkosten eher bezahlen können. **)

**) Vergl. Hr. Wille, Versuch einer Beschreibung der am Oberharze gelegenen Poch und Waschwerke im bergm. Journal 1793. St. 2. S. 104. Anm.

Bemerkungen über den Harz, von Johann Carl Freiesleben. Erster Theil. Bergmännische Bemerkungen. Mit drey Kupfern. Leipzig, in der Schäferischen Buchhandlung 1795, S. 174ff.“

 

Die heiter-empfindliche Berglust

Bild

„Wer aus den sanftern, zahlreich bewohnten Ebenen und anmutigen Gefilden verweichlicht hierher kommt, von mühsam erstiegenen Höhen in abschüssige Tiefen hinabblickt, und selbst in den wärmern Jahreszeiten frostig den fast das ganze Jahr hindurch erheizten Stuben dieses Gebirgsvolks zueilen muß, um sich von der ungewohnten nasskalten Luft wieder zu erholen: für den kann dies Land der Berge freilich wenige, oder gar keine Reize haben.

Er bedauert vielmehr die Bewohner der Höhen wegen der heftigen und empfindlichen Winde; die Thalbewohner hingegen, wegen ihrer schweren und gefahrvollen Arbeit und Bestimmung. –

Die Harzer hingegen , welche nun einmal an ihre Lebensart gewöhnt sind, und die anderweitigen Vorteile und Annehmlichkeiten ihrer gebirgigen Vaterlandsgegend hinlänglich kennen und zu schätzen  wissen, urteilen ganz anders. Für sie haben diese wilden Gegenden eine erhabene Schönheit.

Unter einer beneidenswerten Zufriedenheit und vollkommenen Genügsamkeit fließt ihnen, halb abgeschieden von der überigen Welt, ein Tag wie der andere ruhig und gleichförmig dahin.

Mancherlei Erzeugnisse der Oberfläche und eine Menge unterirdischer Reichtümer beschäftigen und nähren Sie.

Der Bergmann holt Erze aus dem Innern der Erde hervor; der Holzhauer fället hartes und weiches, laub- und nadeltragendes Holz; der Köhler läßt seinen Mieler rauchen; der Fuhrmann bringet die gewonnenen Erze, das gefällete Holz, die geschwählten Kohlen an den Ort ihrer Bestimmung; der Hüttenmann scheidet durch seine vulkanische Arbeit Metalle von Schlacken, Hausmütter besorgen und befriedigen ihre Wirtschaft und die Bedürfnisse der Ihrigen.

Alle sind im angewiesenen Wirkungskreise in froher Tätigkeit, und Jeder hat für den seinigen eine gewisse ihn und Andere beglückende Hochachtung, die immer mit einer vorzüglichen Anhänglichkeit an Stand und Beruf verbunden zu seyn, und den Wohlstand und die bürgerliche Glückseligkeit der ganzen Gesellschaft, so wie des einzelnen Gliedes derselben mit sich zu führen pflegt.

Mit einem Wort, die Harzer sind bey harter Kost und härterer Arbeit gesund und vergnügt; und für ihr bergiges Land so eingenommen, wie die Schweizer für das ihrige.

Von Kindheit an, an die mancherlei Eigentümlichkeiten ihres Landstrichs und ihrer Lebensweise gewöhnt, können sie in dem flachen Lande nicht lange aushalten. Diese ihre Sehnsucht nach vaterländischer Heimat ist eben nicht kleinliche Anhänglichkeit am Alten, noch weniger entehrende Schwäche; Nein! sie haben dieselbe mit Allen gemein, die plötzlich aus einer wohlbehaglichen Lage in eine ganz andere versetzt werden.

Die grüne Nacht, die dichten Wälder, der mannigfaltige Vogelgesang, die Viehheerden auf dem zwischen den Bergen sich fortschlängelnden fruchtbaren Wiesengrunde, die rauschenden, wasserreichen Flüsse und Bäche der Harzthäler, das aus den Hüttenwerken aufsteigende dicke Rauchgewölk, das dumpfe Getöse der Hammer und Puchwerke, welches mit dem Klappern, Stampfen und Rauschen der Mahl-, Oehl- Säge und Lohmühlen abwechselt. –

Das alles verschafft den fast durchgehends treuherzigen Harzer umher Veränderungen und größerer Vergnügen. als sie im flachen Landes finden; und behagt ihnen so sehr, daß sie darüber manche Ungemächlichkeit entweder ganz übersehen, oder doch nicht hoch in Anschlag bringen. Ohne Murren tragen sie sich Lebensmittel in schweren Lasten über hohe Berge nach ihren Wohnungen und ihre Sorgen reichen mehrentheils nur von einem Lohntage zum anderen.

Die Wirkung der heitern, obgleich empfindlichen Berglust ist den meisten Einwohnern im Gesichte zu lesen.

 

Samuel Christoph Wagener; Reise durch den Harz und die Hessische Lande, besonders in Hinsicht auf Naturschönheiten , Anbau und Altertümer, von dem Verfasser der Briefe: Über die Pfalz am Rhein und deren Nachbarschaft, Braunschweig 1797, in der Schul-Buchhandlung, 32ff.

 

Flachs, Heu und Beeren

13153

Linum usitatissimum L.
Köhler, F.E., Medizinal Pflanzen, vol. 1 (1887) –
http://www.plantillustrations.org

Das Fürstentum Grubenhagen liegt an und auf dem Harz , rechts über Göttingen. Seine merkwürdigsten Statte heissen Einbeck, Osterode, Clausthal und Cellerfeld.

Einbeck, die Hauptstatt dieses Fürstenthums, liegt an der Ilme fast gerade über Göttingen, und verfertiget vielerlei Arten von wollenen Zeugen. Osterode liegt rechts über Göttingen am Harz, und hat das Provianthauß für die Berg- und Hüttenleute auf dem Hannoverschen Harz, unch weben die Einwohner sehr schöne Zeuge nach englischer Art.

Der Flekken Herzberg hat königliche Gewehrfabriken, und noch andere Eisenfabriken. Der Flekken Salz der Helden, und das Dorf Sülzbeck haben wichtige Salzwerke.

Clausthal liegt rechts über Göttingen auf dem Harz, und ist die beste Hannöversche Bergstatt und der Siz des Bergamts und einer Münze. Sie hat ohngefähr achttaussend Einwohner, und eine lateinische Schule.

Zellerfeld liegt dicht an Clausthal, und wird von ihr nur durch einen Bach getrennt. Sie ist der Siz des gemeinschaftlichen Oberharzischen Bergamts, und einer gemeinschaftlichen Münze, worin viele kleine silberne Münzen mit einem grossen lateinischen C geschlagen werden , welches Commun oder Gemeinschaft heissen soll; Denn es gehört vom Harz ein grosses Stück dem Herzog von Braunschweig.

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Bistorta Officinalis
Otto Wilhelm Thomé; Flora von Deutschland Österreich und der Schweiz (1885)
http://www.bioLib.de

Der Harz ist ein hohes und waldichtes Gebierg, das ohngefähr zwölf Meilen lang, und vier bis fünf Meilen breit ist. Es stehen Stätte und Dörfer darauf, deren Einwohner sich gewöhnlich vom Bergbau, der Bearbeitung des Erzes, und der Handlung nähren. Der Akkerbau wird hier nicht getrieben, weil es sehr bergicht, und fast ein halbes Jahr Winter ist. Flachs , Heu und etliche Sorten von Beeren sind die gewöhnliche Ernte der Harzeinwohner. Die Bergwerke liefern Gold, Silber, Kupfer, Eisen und Blei. Und Holz ist darauf in so grosser Menge vorhanden , daß die Nachbarschaft viele Meilen weit damit versehen werden kann. — Man teilt den Harz in den Oberharz und Unterharz ein. Vom Oberharz gehört die Hälfte ganz allein dem König von England; die andere Hälfte aber und der Unterharz gehören halb dem Herzog von Braunschweig.

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Vaccinium myrtillus L.
Otto Wilhelm Thomé; Flora von Deutschland Österreich und der Schweiz (1885)
http://www.bioLib.de

M. Georg Christian Raff’s, ordentlichen Lehrers der Geschichte und Erdbeschreibung auf dem Lyzeum zu Göttingen, Geographie für Kinder zum Gebrauch auf Schulen, vierte verbesserte Auflage, Göttingen bei Johan Christian Dieterich, 1787, S. 223ff.